Ich sage «Frauenstreik» und du schüttelst den Kopf. Du sagst «So en Seich». Du fragst nicht «Warum?» (…)

(Ein Kommentar von Jana Avanzini, 12.4.2019)

Wenn ich um 3 Uhr nachts aufstehen muss, um das aufzuschreiben bevor ich wieder schlafen kann …

Ich sage «Frauenstreik» und du schüttelst den Kopf. Du sagst «So en Seich». Du fragst nicht «Warum?».

Ich sags dir trotzdem.
Weshalb ich streiken werde. Und weshalb ich mir wünsche, dass wir am 14. Juni 2019 Seite an Seite stehen.

Ich streike, weil unsere Mütter und Grossmütter mit halb so viel Rente auskommen müssen, wie unsere Väter und Grossväter. Weil sie rund 80 Prozent der unbezahlten Arbeit übernehmen. Das Erziehen der Kinder, die Pflege von kranken und älteren Angehörigen, die Hausarbeit. Arbeit. Weil sie seit der Geburt der Kinder Teilzeit gearbeitet und deshalb kaum in die AHV und PK einbezahlt haben.

Weil wir noch immer bis zu 20 Prozent weniger verdienen. Davon 40 Prozent nicht erklärbar. Doch was ist erklärbar? Dass «Frauenberufe» weniger Wert zugeschrieben wird, sie weniger Anerkennung bekommen. Und wer hat entschieden, dass die Arbeit eines Bank-Beamten so viel mehr Wert für unsere Gesellschaft haben soll, als die einer Pflege-Fachkraft? Wer hat entschieden, dass mein Job als Journalistin mehr Wert hat als die Betreuung meines Kindes?

Wenn es um Sachen Gleichstellung geht, argumentieren viele mit Schweden. Doch wir brauchen nicht so weit über die Grenze schauen. Blickt nach Deutschland. Da macht sich Oliver Wenke in der Heute-Show selbstironisch darüber lustig, dass Frauen noch immer sechs Prozent weniger verdienen. Von einer solchen Ungerechtigkeit können wir Frauen in der Schweiz nur träumen. In Deutschland wurde gerade erst über einen Preis für einen «Spitzenvater» gestritten, der ein Jahr in Elternzeit zuhause bleibt, während seine Frau ins All fliegt. Dass er nur schon die Möglichkeit hat und dafür als Vorbild gefeiert wird, davon können wir in der Schweiz nur träumen.

Das macht mich wütend! Es macht mich wütend, dass Männer in der Schweiz exakt einen Tag Vaterschaftsurlaub bekommen. Es macht mich wütend, wenn ein Bekannter von mir seine Kinder zuhause kaum sieht, weil er sich nicht traut, in der Firma seines Vaters Teilzeit zu arbeiten. Was würden denn die alteingesessenen Mitarbeiter*innen sagen? Wie stünde er da? Der künftige Chef! Es macht mich wütend, dass seine Frau zuhause sitzt, trotz super Ausbildung und dem Wunsch, wieder einzusteigen. Es macht mich wütend und ich kann es nicht verstehen.

Der Frauenstreik fordert Vaterschaftsurlaub, er fordert Elternzeit, wir fordern gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, und, dass Teilzeitmodelle für Männer und Frauen möglich sein müssen, in allen Funktionen und Positionen. Und bitte zwingt mich jetzt nicht dazu, dass ich über die Studien diskutieren muss, die beweisen, dass Leute in 80 Prozent Pensen gleich viel Leistung bringen, wie die mit einer 43 Stunden Woche.

Und nein, auch wenn ich hier vor allem wirtschaftliche Argumente und Argumente, die Eltern betreffen ins Land führe, streike ich nicht nur deswegen. Ich streike für die Gleichstellung in der Gesellschaft. Dafür, dass Mädchen nicht gesagt bekommen, auf Bäume zu klettern sei gefährlich und dass die rosa Strumpfhose nicht dreckig werden soll. Dafür, dass mein Sohn das Wort «Mädchen» niemals als Beleidigung für seine Freunde verwenden wird. Dafür, dass mich die Werbung nicht zur Hülle degradiert. Und dafür, dass unsere Körper kein Allgemeingut sind.

Mich macht es wütend! Dass ich mit 13 Jahren das erste Mal bedrängt worden bin, dass mich an der Fasnacht ein Wildfremder aus dem Nichts an die Wand presst und mir sagt, wo er ihn mir überall reinstecken wird. Wenn mir im Klub beim Tanzen plötzlich eine Hand von hinten zwischen die Beine greift. Es macht mich wütend, dass bei einem Interview ein 80-Jähriger meint, mir an den Hintern greifen zu dürfen. Und es macht mich wütend, dass jede einzelne meiner Freundinnen solche Geschichten zu erzählen hat.

Ich streike nicht nur für die Gleichstellung in der Wirtschaft. Ich streike für Gleichstellung. Gegen konservative, romantisierte Rollenbilder und Geschlechter-Stereotype, gegen Sexismus und Gewalt. Für uns, unsere Vorkämpferinnen und für alle Frauen nach uns.

Liebe Frauen
Wenn ihr mit eurem Lohn zufrieden seid, mit eurer Rolle in dieser Gesellschaft, mit euren Möglichkeiten, wenn ihr euch nicht benachteiligt fühlt, dann streikt aus Solidarität. Mit euren Müttern und Grossmüttern, der Pflegefachkraft, der Hebamme, der Bäuerin im Hof nebenan oder eurer Putzfrau.

Und liebe Männer, solidarisiert euch. Wir kämpfen wirklich, wirklich, wirklich nicht gegen euch. Wir können es immer und immer und immer wieder sagen. Feminismus will Gleichstellung. Nicht mehr. Und verdammt nochmal nicht weniger.


P.S. Bloody unfair! Ich streike übrigens auch für die Abschaffung der 7,7 Prozent MwSt. auf Tampons, Binden und Cups. Das ist sowieso völlig daneben.

17 thoughts on “Ich sage «Frauenstreik» und du schüttelst den Kopf. Du sagst «So en Seich». Du fragst nicht «Warum?» (…)

  1. Bravo Jana! Danke für eine solch gute und treffende Beschreibung zum Frauenstreik und der Solidarität dazu!

  2. Überzeugt! Gebe dir bei allen Punkten recht und dachte trotzdem „so en seich“, bis ich das gelesen hab

  3. Ein guter Artikel, relativiert die teils doch recht radikalen Forderungen in eurem Manifest (meiner Meinung nach im positiven Sinn).

    Jedoch schüttle ich meinen Kopf immer noch ein wenig und bin ich noch nicht ganz überzeugt, warum ich als Mann bei euch mitmarschieren sollte. In dieser Idee von Gleichstellung sind wir die Antagonisten, die Unterdrücker. In keinem Wort wird neben den gleichen Rechten auch von gleichen Pflichten geredet, weder von einem Dienst an Staat und Gemeinschaft noch von der Bereitschaft, trotz höherer Lebenserwartung gleich lange zu arbeiten. Ihr beackert damit das selbe Feld wie die bestehende Gesellschaft, fordert, ohne bereit zu sein dafür etwas zu geben, kompromisslos.

    Ich bin für Gleichstellung, im Lohn, der Gesellschaft. Aber es ist keine Einbahnstrasse. Ich lasse mich als Mann nicht zuerst als Teil eines ominösen, omnipräsenten Systems von Unterdrückern bezeichnen und gehe dann einer Aufforderung nach, ohne eine Gegenleistung ebendiese Ideologien zu unterstützen. Damit wäre auch mein Wunsch, dieses Problem gemeinsam zu lösen, verfehlt. Auf pure Konfrontation wird weiterhin Ablehnung folgen.

    Sicherlich gibt es auch vernünftigere unter euch. Ihr würdet aber deutlich mehr Zulauf aus dem vermeindlichen Patriarchat erhalten, kämen auch offiziell einige Zugeständnisse.

    Ich lasse mich gerne noch überzeugen.

    1. Meiner Meinung nach geht es eben genau darum, dass gerade zum Beispiel Care-Arbeit, die vorwiegend von Frauen übernommen wird, als «Dienst an Staat und Gesellschaft» anerkannt wird. Deswegen verstehe ich nicht ganz was sie damit und vor allem mit «Zugeständnissen» meinen. Denn ich hoffe, dass sie mir nicht widersprechen, dass Frauen* den gleichen (wenn nicht grösseren) Teil zum Funktionieren der Gesellschaft beitragen.

      1. Die Care- Arbeit ist aber alles andere als eine staatliche Pflicht der Frauen. Persönliche Angelegenheiten sind nicht gleichzusetzen mit einer Bürgerpflicht!!, welche nur Aufgrund des Geschlechts auferlegt wird. Im Falle des Militärs wäre es sogar die Pflicht sein Leben für den Staat zu geben. Care- Arbeit könnte auch von Männern übernommen werden, wäre der entsprechende Gesellschaftliche Druck vorhanden.

        Ich spreche den Frauen auf keinen Fall den Aufwand für die Betreuung von Angehörigen ab. Jedoch ist es in dem Fall die Sache der Betroffenen, sich zu wehren oder die Arbeit umzuverteilen und nicht die des Staates.

        Ich wiederspreche dir nicht, dass Frauen einen wichtigen Teil der Gesellschaft bilden. Wie gesagt werden hier aber Äpfel mit Birnen verglichen.

    2. Lieber Kommentator, es geht darum, dass Frauen ja sehr viel geben für die Gesellschaft. Männer auch, das spricht euch niemand ab. Aber ihr werdet dafür entlöhnt, während die Arbeit in der Pflege, zu Hause etc. oftmals weniger bis gar nichts an Lohn sieht und halt dank starren Rollenbildern oftmals doch noch durch die Frau erledigt wird. Wenn wir nun als Frauen mehr Rechte einfordern, nehmen wir euch keine Recht weg damit. Also müssen wir auch keine „Gegenleistung“ leisten, weil wir uns diese Rechte nicht verdienen müssen, die sollten uns einfach zustehen, da wir nicht weniger Mensch sind als ihr!
      Weisst du, wie ich meine?
      Wir sind die Hälfte der Gesellschaft, wir tun unseren Teil, wir haben das RECHT, euch gleichgestellt zu sein. Die Pflichten erledigen wir ja bereits, sogar OHNE RECHTE. Und dass ihr ins Militär müsst, das ist genauso ungerecht. Da können wir meiner Meinung nach gerne die Wehrpflicht abschaffen oder dann einen allgemeinen Wehrdienst einführen, auch für Frauen. Wir wollen ja Vaterschaftsurlaub, wir wollen Teilzeitmöglichkeiten für Männer, wir sind nicht GEGEN euch. Wir wollen nur auch rechtlich auf Augenhöhe behandelt werden. Dafür sollten wir nicht eine zusätzliche Leistung bringen müssen. Ihr müsst ja auch nichts tun, um von der Gesellschaft bevorzugt zu werden, ausser als Mann geboren werden. Wie gesagt, Militär ist ungerecht und können wir gerne abschaffen. Setzt euch doch auch dafür ein.
      Aber nochmals, unsere Rechte schränken euch nicht ein, sie stehen uns einfach nur zu. Ich bin auch dafür, dass wir gleich lange arbeiten wie ihr. Ihr müsst keine Zugeständnisse machen, wir auch nicht. Beide sollten wir dieselben Rechte haben und endlich einsehen, dass wir ZUSAMMEN besser dran sind als im ewigen Kampf der Geschlechter.

      1. „Höheres Rentenalter für Frauen? Sicher nicht!“ – hier steht weshalb: http://www.14juni.ch

      2. Bezüglich Rechten und Pflichten wäre ich vorsichtig. Frauen werden gesetzlich gesehen nur bevorzugt, es gibt meines Wissens nach kein Gesetz welches Frauen benachteiligt.

        Diskriminierung der Frau ist in der Schweiz rein gesellschaftlich verschuldet. Es ist die Sache der Betroffenen, sich gegen Ungerechtigkeit zu wehren und wirkliche Gesetzesverstösse zu verklagen.

        Gesetzliche Diskriminierung liegt also nur beim Mann vor, auf was ich in meinem ursprünglichen Kommentar hinauswollte. Ich verneine nicht die Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der Gesellschaft (gegen diese ein Protest durchaus angebracht ist), jedoch ist es absolut bigot von Gleichstellung zu reden und keine! Zugeständnisse an die Männer im Manifest zu erwähnen.

        Ihr habt bereits das Recht euch gegen jegliches Unrecht zu wehren. Ein Mann nicht. Das Gemeinsame in diesem Streik sehe ich immer noch nicht, auch dass Männer (die euch unterstützen würden) an gewissen Veranstaltungen keinen Zutritt haben ist absolut verachtenswert.

    3. Word! Sehr schön gesagt.

    4. Lieber mann, zuerst einmal: wir möchten euch an unserer seite weil wir gemeinsam in einem boot sind. Was das „unter euch gibt es vernünftigere“ betrifft: ja genau, die frauen sind einfach nicht vernünftig wenn sie für ihre rechte einstehen. Merken sie wie von oben herab diese aussage ist und dass sie sehr pariarchal ist? Zudem: ich glaube, dass wir frauen schon sehr viele zugeständnisse gemacht haben. Das von uns zu fordern ist schon fast frech.

  4. Das ist doch absolut selbstverschuldet von Deinem Bekannten, wenn er nicht 80% arbeiten will! Bei uns arbeitet die Mehrheit Teilzeit, auch sehr sehr viele Männer 80%, und es wäre noch nie das Thema aufgekommen, dass sich Mitarbeiter, welche 100% arbeiten, darüber stören.
    Wie sollen sich die Angestellten Deines Bekannten trauen, für eine Pensumreduktion zu fragen, wenn sich nicht mal der Juniorboss traut, sich dieses Recht rauszunehmen? Er soll mi guten Beispiel voraus gehen und jedem Mitarbeitenden anbieten es gleich zu tun. Er sollte Vorbild sein und nicht jammern. Hat nichts mit Frauenstreik zu tun, wenn dem zukünftigen Boss wichtiger ist, was seine Angestellen eventuell denken könnten. Wie gesagt, bei uns arbeitet die Mehrheit der Belegschaft nicht 100%. Bei vorgesetzten ist einfach en Minimun von 80% vorausgesetzt und bei 80% wird nicht mehr als 1 Tag Homeoffice gewährt.
    Zum MwSt. Satz von Binde, Tampons und Cups. Als Frau finde ich gut, dort weniger zu zahlen. Aber mal ehrlich, der Betrag ist klein und wenn wir von Gleichberechtigung reden, sollte dann nicht auch die MwSt. auf Rasierer für Männer gesenkt werden? Denkt mal darüber nach, ob ihr wirklich Gleichberechtigung wollt, oder mehr Rechte für Frauen, sonst kann ich nicht aus solidarität mitstreiken.

    1. Check your facts.
      MwSt. auf ‚Männerprodukte‘ (inkl. Viagra!): 2.5 %
      Auf lebensnotwendige weibliche Güter wie Tampons und Monatsbinden wird ein rein diskriminierender Luxussteuersatz von 7.7% erhoben.

      1. Auf Elektrorasierer nicht! Check your facts. Und glaubst Du ernsthaft, die Händler würden die Produkte dann günstiger machen? Hast Du etwas von der MwSt. Senkung auf 7.7 mitgekriegt? Hattest Du deswegen mehr Geld zur Verfügung?

  5. Kommentierend 12. Juni 2019 — 23:25

    Weiter oben wurde geschrieben, care-Arbeit sei eine private Angelegengeit, keine staatliche. Auf diese Aussage möchte ich nur mal zu bedenken geben: Wären Sie immer noch der Meinung, Pflege und Betreuung sei eine rein private Angelegenheit, wenn sich plötzlich alle Freiwilligen nicht mehr kümmern würden, und eine staatliche/wirtschaftliche Lösung gefunden werden müsste? Dann würde es plötzlich enorm viel kosten, und die bisher unsichtbare Arbeit würde sichtbar. Und der Staat müsste woanders zünftig sparen, z.B.die Wehrpflicht abschaffen?

    1. Es werden sich aber immer Freiwillige finden, da man kranke/ Bedürftige nicht einfach dahinsiechen lassen will. Was ich sagen will ist, dass Frauen selber in der Verantwortung sind, sich zu wehren und diese Arbeit auch auf Männer zu verteilen.

      Denken sie doch vernünftig. Care & Haushaltsarbeit kann nicht entschädigt werden, da ansonsten enorme Beträge ohne Kontrollmöglichkeit mit der Giesskanne umverteilt werden müssten. Wer soll das bezahlen? Sicherlich wieder die, welche hart arbeiten für ihr Vermögen und dabei echte Wertschöpfung betreiben. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, alles zu entschädigen.

  6. Das ist nicht ein Kommentar zum Arikel an sich, nur zu einem Detail.

    Du schreibst: „Weil [Schweizerinnen] noch immer bis zu 20 Prozent weniger verdienen. Davon 40 Prozent nicht erklärbar. (…) Da macht sich Oliver Wenke in der Heute-Show selbstironisch darüber lustig, dass Frauen noch immer sechs Prozent weniger verdienen. Von einer solchen Ungerechtigkeit können wir Frauen in der Schweiz nur träumen.“

    In Deutschland sind die Zahlen fast identisch wie in der Schweiz!
    Unbereinigter PayGap: CH 20% – D 21%
    Bereinigter PayGap: CH 8% – D 6%

    Für die Schweiz habe ich deine Zahlen übernommen und für Deutschland die von hier: https://www.tagesschau.de/faktenfinder/inland/genderpaygap-103.html (Dieser Artikel ist lesenswert und recht ausgewogen imho.)

    Ich finde es schade, dass in dieser Diskussion solche Fakten häufig ohne Sorgfalt behandelt werden.

Leave a Reply to Antwort Cancel reply

%d bloggers like this:
search previous next tag category expand menu location phone mail time cart zoom edit close